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Weniger Volk – Mehr Probleme


Armut und gesellschaftlicher Stillstand werden die Folgen des Geburtenmangels sein

In satten wirtschaftlichen Zeiten neigt der von seinen natürlichen Instinkten allmählich entfremdete Mensch dazu, das Schrumpfen der Bevölkerung als Wohltat für den einst nach außen drängenden Volkskörper oder wenigstens für die Umwelt bzw. die Natur zu sehen. Erstaunt steht er dann vor dem Problem, daß immer mehr Rentner ihre Versorgung durch immer weniger junge Menschen erwarten – die „Überalterung der Gesellschaft“ geistert durch die Medien, welche sich aus bekannten Gründen nur äußerst zurückhaltend dem Thema Geburtenschwund zuwenden.

Franz-Xaver Kaufmann, emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld, widmet sich demgegenüber in seinem Buch „Schrumpfende Gesellschaft“ ausschließlich dem Rückgang der Geburten in der westlichen Welt und weist ihm dem Vorrang vor dem Problem des Alterns der Gesellschaft zu. Daß es mehr Geburten geben müsse, steht für den Autor außer Frage, allerdings legimitiert er staatliche Bevölkerungspolitik weniger an Hand der Erhaltung des Volkes, sondern an Hand einer allgemeinen Wohlfahrtssteigerung – machtpolitische Aspekte werden in diesem Zusammenhang zwar gestreift, jedoch auffallend schnell wieder fallengelassen.

Inwiefern können Geburtenschwund und Geburtenrückgang die Wohlfahrt negativ beeinflussen? Als ehemaliger Gastwissenschaftler am französischen Institut National d’Études Démographiques (INED) skizziert Kaufmann die französische Familienpolitik seit 1938, die sich im Zuge des wirtschaftlichen Rückstandes gegenüber Deutschland entwickelte, und widmet sich dann der Frage nach dem Wert der Bevölkerung eines Landes. Kaufmann kommt dabei auf einen Betrag von 21.000 Milliarden DM für die Bevölkerung der Bundesrepublik im Jahr 1991. Dies übertreffe deutlich den Wert des gesamten Anlagevermögens von 12.600 Milliarden DM. Allerdings habe der Geburtenschwund im nationalen Humankapital tiefe Spuren hinterlassen. Durch das Fehlen von 9,6 Millionen Geburten, die zum Erhalten der Bevölkerung notwendig gewesen wären, seien zwischen 1972 und 2000 Investitionen von rund 4.800 Milliarden DM in das Humankapital und damit die Zukunft entfallen.

Wer diese Problematik nicht erkennen wolle, fördert laut Kaufmann einen „Verharmlosungs-Diskurs“ und die Entwicklung negativer Erscheinungen, die viele unterschiedliche Gesellschaftsbereiche erfassen werde. Als Beispiel führt Kaufmann die Hoffnung an, das Pro-Kopf-Einkommen könne weiter steigen, auch wenn die Gesamtwirtschaft durch die Bevölkerungsschrumpfung zurückgehe. Ein dafür notwendiger erhöhter Kapitaleinsatz würde, so Kaufmann, daran scheitern, daß bei schrumpfender Bevölkerung auch die Immobilien an Wert verlieren und somit ein erheblicher Teil des Volksvermögens abschmelze und nicht mehr zur Verfügung stehe. Außerdem sei eine Erhöhung der Produktivität unwahrscheinlich, wenn es nicht mehr genug zahlungsfähige Abnehmer gebe, um die hohen Investitionen zu rechtfertigen. Zumindest die Produktion für den Binnenmarkt werde durch den Bevölkerungsrückgang nicht nur in ihrer absoluten Höhe negativ beeinflußt, sondern auch an Effektivität verlieren.

Die Schilderungen umfassender negativer Folgen sollten nun aber nicht zu einem „demographischen Fatalismus“ führen, erklärt Kaufmann. Im Prinzip sei jede Gegenmaßnahme, die das Humanvermögen erhöhe, zu begrüßen. Das könne prinzipiell auch durch Einwanderung geschehen, wenn sie das Humanvermögen und nicht nur die Kopfzahl steigere – wobei Kaufmann jedoch feststellt, „daß die Humanvermögen der Zuwanderungswilligen in Zukunft immer weniger zu unseren Aufnahmebedingungen passen“ werden. Wichtiger sei demgegenüber die Verbesserung der Lebenslage junger Familien. Kaufmann mahnt vor allem bessere Betreuungsangebote für Kinder an und kritisiert die bislang fehlende Vermittlung notwendiger Kompetenzen der Eltern durch staatliche Bildung – daß vielfach das genaue Gegenteil dessen betrieben wird, fehlt in diesem Zusammenhang. Es erklärt sich jedoch aus dem Anspruch Kaufmanns, eine Sprache für die Behandlung des aus unterschiedlichen Interessen heraus belasteten Themas „Geburtenförderung“ zu finden, in der man mit allen Beteiligten – Männern, Frauen, Konservativen, Progressiven – reden könne.

Bevölkerung als politischer Begriff, so Kaufmann, setze einen gemeinsamen Solidaritätshorizont voraus. In der Vergangenheit sei dieser Horizont mit den undurchlässigen Grenzen des Nationalstaates identisch gewesen. Daran habe sich prinzipiell nichts geändert, denn trotz erleichterter Migration und europäischer Integration „bleibt der nationale Schicksalsraum als solcher bestehen, und sei es in der banalen Form der Standortkonkurrenz“. Ob das tatsächlich reicht?

(Franz-Xaver Kaufmann: Schrumpfende Gesellschaft – Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen; Edition Suhrkamp; Suhrkamp 2005; ISBN 3- 518-12406-4)

 


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