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Der erste Held der Deutschen?
Heuer jährt sich die Schlacht im Teutoburger Wald zum 2000. Mal
In den dunklen Wäldern Germaniens spielte sich im Jahre 9 nach Christus ein katastrophales militärisches Debakel für die damalige römische Weltmacht ab. Drei Legionen, insgesamt etwa 15.000 kampferprobte Soldaten, unterlagen im unwegsamen Gelände zwischen Weserbergland und Teutoburger Wald gegen die unter dem Cheruskerfürsten Arminius (so sein römischer Name) geeinten germanischen Stämme. In tagelangem Kleinkrieg, bestehend aus Angriffen aus dem Hinterland und schnellem Rückzug, rieben die Germanen die zahlenmäßig und militärisch überlegenen Legionen des Feldherrn Varus vollständig auf. Heute würde man einen solchen Konflikt vermutlich als asymetrische Kriegführung bezeichnen, wenn der hoffnungslos Unterlegene den militärisch Überlegenen mit Kleinkriegführung bezwingt.
Diese militärische Niederlage lebt seither als einer der nationalen Mythen im kollektiven Bewußtsein der Deutschen weiter. Auch wenn die historischen Tatsachen rund um diese Schlacht bei weitem noch nicht umfassend erforscht wurden. Besonders über den Ort der Schlacht erhitzen sich die Gemüter regelmäßig. Insgesamt 700 verschiedene Theorien gibt es zum vermuteten Ort der Schlacht. Als besonders wahrscheinlich gelten aber lediglich vier der Theorien.
Die lippische Theorie besagt demnach, daß die Schlacht im östlichen Teutoburger Wald oder zwischen diesem und der Weser stattgefunden habe. Die Nordtheorie geht von einem Schlachtort am nördlichen Rand von Wiehen- und Wesergebirge bei Kalkriese, die Münsterländertheorie von einem Zusammentreffen südlich des Teutoburger Waldes bei Beckum und die Südtheorie schlußendlich von einem Schlachtort im Bergland südöstlich der Münsterländer Bucht aus. Mag sich dieser Disput nach einem reichlich akademischen Streit um des Kaisers Bart anhören, stecken jedoch auch handfeste wirtschaftliche Interessen hinter der wissenschaftlichen Diskussion. Denn es bedeutet für die jeweilige Region, in der das alte Schlachtfeld liegen könnte, einen erheblichen Zuwachs in der Tourismusindustrie und in den Fördermitteln von Bund und Ländern. Derzeit hat eindeutig die lippische Theorie die meisten Anhänger, denn die historischen Berichte von Tacitus grenzen das Gebiet der Schlacht entsprechend ein und entsprechende Funde wurden ebenfalls gemacht. Allerdings fand man bereits im 16. Jahrhundert in Lippe Spuren der Schlacht und entsprechend schlecht ist der Fundort dokumentiert und die Funde gesichert. Auch der Standort des Hermannsdenkmals auf einem Höhenzug des Teutoburger Waldes sorgt für den Bekanntheitsgrad der lippischen Theorie. Der vermeintliche Schlachtort bei Kalkriese hat hingegen das Problem der fehlenden historischen Ortsangaben in den zeitgenössischen Berichten, was den Ort soweit nördlich bei Kritikern unwahrscheinlich erscheinen läßt.
Doch abgesehen vom Streit über den Schlachtort weiß man auch über einen der Hauptprotagonisten der Schlacht, den Cheruskerfürsten Arminius, nur sehr wenig. Sogar sein germanischer Name ist unbekannt. Sicher ist, daß der Name „Hermann“ für den erfolgreichen germanischen Feldherrn erst aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts stammt. Man weiß außerdem, daß Arminius 37 Jahre alt wurde und zwölf Jahre davon regierte. Er stand zunächst in römischen Diensten und kannte deshalb die Taktik und das Verhalten seines späteren militärischen Gegners aus der Innenansicht. Ein entscheidender militärischer Vorteil, wie sich später herausstellte! Auch die kurzfristige Einigung der germanischen Stämme gegen den gemeinsamen römischen Feind unter seinem Oberbefehl gilt als historisch gesichert.
Wissenschafter gehen davon aus, daß dies der erste Fall einer Einigung aller germanischen Stämme war und die Folge der siegreichen Schlacht im Teutoburger Wald war das Ende der römischen Expansion über den Rhein nach Osten. Zwar gab es später noch verschiedene Kriegszüge der Römer über den Rhein, aber nie wieder den Versuch, aus den Gebieten östlich des Rheins eine römische Provinz zu machen. Als nationaler Mythos spielte der erfolgreiche Kampf des Arminius gegen die Römer zudem immer wieder eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte und Selbstwahrnehmung. Als positiver Bezugspunkt im Hinblick auf das frühe „deutsche“ Einigungsstreben und als Voraussetzung für die Entwicklung der germanischen Stämme zu einem „deutschen Volk“ spielt das historische Ereignis der Hermannschlacht mit Sicherheit eine große Rolle.
Aus dieser Folge der Hermannschlacht entwickelte sich in den folgenden zwei Jahrtausenden – und besonders von Anfang des 19. Jahrhunderts an – der Mythos von Arminius als „Befreier Germaniens“ und viele Menschen sehen das Jahr 9 n. Chr. sogar als Geburtsstunde der Deutschen. Besonders aber durch die massive romantische Historisierung der Ereignisse seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Theater und Literatur, aber auch durch den Bau des Hermannsdenkmals (1838-1875) verankerte sich die historische Leistung von „Hermann dem Cherusker“ tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen.
Quelle: Zur Zeit, 4/2009